Vorstandsinterview

Im Gespräch mit den Vorständen der EVN, Franz Mittermayer und Stefan Szyszkowitz

Herr Szyszkowitz und Herr Mittermayer, dieser Geschäftsbericht trägt den Titel „Beständige Werte“ und signalisiert damit Stabilität und Kontinuität. Wie geht das neue Vorstandsteam mit diesen Prämissen um?

Szyszkowitz: Kontinuität hat bei der EVN eine lange Tradition. Unser Unternehmen fühlte sich seit seinen Anfängen einigen grundlegenden Werten verpflichtet, die sich wie ein roter Faden durch alle wichtigen Entscheidungen und Weichenstellungen ziehen. Ebenso finden sie ihren Niederschlag auch im tagtäglichen Unternehmensgeschehen. Sehr schön zeigt sich das an den Werbesujets und sonstigen Dokumenten, die wir kürzlich für eine interne Ausstellung zusammengetragen haben, auf der auch die Gestaltung dieses Geschäftsberichts beruht. Sie machen diese Beständigkeit plastisch sichtbar und betonen ihre Bedeutung für unser unternehmerisches Wirken – gestern ebenso wie heute und morgen. Franz Mittermayer und ich als neues Vorstandsteam verstehen es als unseren Auftrag, die EVN im Sinn genau dieser Stabilität und Kontinuität in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.

Mittermayer: Die EVN verdankt ihre erfolgreiche Positionierung im Energie- und Umweltgeschäft – sowohl im niederösterreichischen als auch im internationalen Kontext – einer klaren Strategie und der Betonung von Werten, die unseren Mitarbeitern Orientierung und Motivation zugleich sind. Von dieser soliden Grundlage ausgehend freue ich mich, die künftige Entwicklung der EVN in meiner neuen Rolle weiter mitgestalten zu dürfen.

„Langfristige Verlässlichkeit für unsere Kunden und Aktionäre.“
Stefan Szyszkowitz

Blicken wir kurz zurück: Das Geschäftsjahr 2016/17 war in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich.

Szyszkowitz: Allerdings. Hervorstechendster Aspekt waren dabei sicher die ungewöhnlich tiefen Temperaturen im letzten Winter; sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch zum Mehrjahresdurchschnitt war es deutlich kälter. Aber auch der Sommer war vor allem in Südosteuropa deutlich heißer. Dies hatte positive Effekte auf unseren Energie und Netzabsatz, stellte aber auch enorme Anforderungen an die Netze und deren Stabilität. Und es hat gezeigt, wie fragil das europäische System im Grunde ist, zumal sich die europäische Stromnachfrage durch Revisionen in französischen Kraftwerken zusätzlich spürbar erhöht hat. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir mit unseren kräftigen Investitionen in unsere Netze richtig liegen. Bei der sehr erfreulichen Mengenentwicklung des vergangenen Jahres darf man übrigens nicht übersehen, dass sich gerade Witterungseffekte nicht planen lassen und dass Mengeneffekte im Netz nach der Regulierungsmethodik in Folgejahren im Vergleich zur jeweiligen Referenzperiode ausgeglichen werden.

Stichwort „Netzsicherheit“: Sie stellen Ihre thermischen Kraftwerke seit Jahren zur Netzstabilisierung bereit. Wird das auch weiterhin der Fall sein?

Mittermayer: Auch wenn es fast paradox klingt: Thermische Kraftwerke machen den Systemumbau in Richtung erneuerbare Energie überhaupt erst möglich. Denn angesichts der volatilen Produktion von Windparks und Photovoltaik-Anlagen wird häufig kurzfristig verfügbarer Strom für die Stabilisierung der Netze und den Abgleich zwischen Angebot und Nachfrage benötigt. Bis es gelingt, Strom aus erneuerbaren Quellen in größerem Umfang zu speichern, sind thermische Kraftwerke als Überbrückung unverzichtbar. Unsere Anlagen waren im abgelaufenen Geschäftsjahr auch fast jeden zweiten Tag im Einsatz. Im kommenden Winterhalbjahr 2017/18 stehen übrigens erstmals alle unsere thermischen Kapazitäten in Niederösterreich – das sind in Summe 1.090 MW – für den süddeutschen Raum unter Vertrag.

2013 haben Sie in Niederösterreich ein Investitionsprogramm im Ausmaß von rund 1 Mrd. Euro gestartet, das mittlerweile abgeschlossen ist. Wie sehen die künftigen Investitionspläne der EVN aus?

Szyszkowitz: Wir setzen auch in unserer Investitionsstrategie auf Kontinuität: Für die nächsten Geschäftsjahre planen wir ein jährliches Investitionsvolumen von rund 400 Mio. Euro, davon sollen rund drei Viertel in die weitere Stärkung der stabilen und regulierten Aktivitäten in Niederösterreich fließen. Zentrale Schwerpunkte sind dabei weiterhin Netze, erneuerbare Erzeugung und Trinkwasser.

Und was tut sich gerade beim Ausbau des Windkraftportfolios?

Mittermayer: Wir arbeiten laufend an der Errichtung neuer Anlagen und zeigen damit, dass wir uns den globalen Reduktionszielen für Treibhausgasemissionen verpflichtet fühlen. Erst im vergangenen Oktober haben wir den Windpark Oberwaltersdorf mit 10 MW in Betrieb genommen, im Frühjahr 2018 sollen mit dem Windpark Sommerein weitere 33 MW neu ans Netz gehen; die Bauarbeiten dafür laufen plangemäß. Per Saldo wird unsere Windkraft-Erzeugungskapazität damit im Geschäftsjahr 2017/18 von derzeit 269 MW auf über 300 MW steigen. Mittelfristig möchten wir durch die Umsetzung weiterer, bereits behördlich bewilligter Projekte in Niederösterreich die Grenze von 500 MW erreichen. Das setzt allerdings entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen voraus.

Stromnetze werden im 21. Jahrhundert intelligent. Was bedeutet das für das Netzgeschäft?

Szyszkowitz: Auch für uns wird diese Entwicklung Veränderungen bringen, die wir aber durchaus als Chance sehen. Wir wollen den Komfort für unsere Kunden konsequent erhöhen, und dabei helfen intelligente Netze natürlich. Gleichzeitig muss der Strom, der sprichwörtlich jederzeit aus der Steckdose kommt, für unsere Kunden weiterhin eine Selbstverständlichkeit bleiben. Das Angebot neuer digitaler Dienstleistungen und Produkte hängt zudem nicht nur von intelligenter Netzsteuerung ab, sondern auch von technischen Netzeigenschaften wie stabiler Spannung oder ausreichender, kurzfristig verfügbarer Leistung. Daher sehen wir uns zusätzlich zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit ganz besonders auch der Versorgungsqualität verpflichtet.

Mittermayer: Qualität ist natürlich auch die oberste Prämisse bei der Einführung der Smart Meters. Daher werden wir bei unseren Kunden nur ausreichend getestete Zähler einsetzen, die den strengen österreichischen Gesetzesvorgaben, insbesondere jenen zur Datensicherheit, gerecht werden. Zudem kommt selbstverständlich jedem Kunden das Recht zu, selbst über den Einbau und den Funktionsumfang eines intelligenten Stromzählers zu entscheiden.

Welche Chancen oder auch Risiken birgt das Thema E-Mobilität für die EVN?

Szyszkowitz: Mittel- bis längerfristig erwarten wir eine Zunahme der Fahrzeuge mit alternativen Antriebsformen, insbesondere von E-Fahrzeugen, und bereiten uns bereits intensiv darauf vor. Dabei beschäftigen wir uns vor allem mit Lösungen im Bereich Ladeinfrastruktur-Management. In einem ersten Schritt haben wir in kurzer Zeit eine flächendeckende Grundversorgung an Stromladestationen in Niederösterreich errichtet und erweitern die Ladeinfrastruktur in unserem Versorgungsgebiet gemeinsam mit Betrieben, Gemeinden, regionalen Initiativen und Privatpersonen laufend. Mit der EVN Strom-Tankkarte haben unsere Kunden zudem Zugang zum größten flächendeckenden Ladenetz für E-Mobilität in Österreich.

Welche Zukunftsthemen beschäftigen Sie in der EVN sonst noch?

Mittermayer: Wir setzen einerseits auf neue Technologietrends unserer Branche, andererseits arbeiten wir laufend intensiv daran, Änderungen im Bedarfsprofil unserer Kunden frühzeitig zu erkennen und daraus innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Im Vordergrund steht dabei immer der Nutzen für unsere Kunden. Lassen Sie mich ein konkretes aktuelles Beispiel hervorheben: In unserem Umspannwerk Prottes haben wir gleich neben einem unserer großen Windparks ein Forschungsprojekt mit einem Großbatteriespeicher mit einer Leistung von 2,2 MW initiiert, bei dem wir Möglichkeiten zur Netzstabilisierung und damit zur verbesserten Einspeisung dezentral erzeugter Strommengen untersuchen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in Südosteuropa?

Szyszkowitz: Seit unserem Markteintritt in Südosteuropa vor etwas mehr als zehn Jahren haben wir mit unseren Investitionen einen nachhaltigen Beitrag zur langfristigen Verbesserung der örtlichen Versorgungsinfrastruktur und damit zur wirtschaftlichen Entwicklung in Bulgarien und in Mazedonien geleistet. Wir setzen auch in diesen Märkten auf Qualität und Versorgungssicherheit. Im Vordergrund unserer Investitionen standen und stehen die Reduktion der Netzverluste – eine unabdingbare Voraussetzung für positive operative Ergebnisse – sowie Verbesserungen in Effizienz und Verlässlichkeit der Netze. Anorganisches Wachstum ist in dieser Region im Energiegeschäft für uns weiterhin kein Thema, sprich wir planen keine Akquisitionen oder neue Großprojekte.

„Nutzen für unsere Kunden steht bei Zukunftsthemen im Vordergrund.“
Franz Mittermayer

Herr Mittermayer, Potenzial bietet für die EVN auch das Thema Wasser.

Mittermayer: Völlig richtig, und das gilt für die laufende Versorgung ebenso wie für das internationale Projektgeschäft. Folgerichtig bildet die Trinkwasserversorgung in Niederösterreich eines unserer Schwerpunktthemen für das nächste Jahrzehnt. Wohlstand und Komfortansprüche, aber auch demografische und klimatische Veränderungen bringen hier eine Reihe an Herausforderungen, die wir auf der Grundlage unserer jahrzehntelangen Erfahrung im Versorgungsgeschäft gut bewältigen können. Im Interesse der Versorgungssicherheit legen wir unseren Fokus dabei auf überregionale Vernetzung, indem wir bestehende Quellen bzw. Quellgebiete mit leistungsfähigen Ringleitungen verbinden und zudem neue Quellen erschließen. Ein weiterer Investitionsschwerpunkt ist die kontinuierliche Qualitätsverbesserung durch den Bau von Naturfilteranlagen, mit denen der Kalkgehalt des Wassers auf natürliche Weise reduziert wird. Die vierte Anlage dieser Art bauen wir gerade südöstlich von Wien.

Im internationalen Kontext setzt unser Beitrag oft eine Stufe früher an, indem wir mit unserer Planungs- und Betriebsführungsexpertise maßgeschneiderte Lösungen für die Errichtung von Trinkwasserversorgungs- und Abwasserbehandlungsanlagen in Regionen mit Nachholbedarf oder mit hohem Bevölkerungswachstum liefern.

Herr Szyszkowitz, zum Abschluss noch zwei kurze Fragen: Was macht die EVN für Investoren attraktiv, und wie geht ihr Weg in der Zukunft weiter?

Ihren Eigentümern bietet die EVN im Grunde das Gleiche wie ihren Kunden: langfristige Verlässlichkeit. Denn die EVN ist eine stabile und berechenbare Größe auf dem Kapitalmarkt. Dafür sorgt schon unsere nachhaltige Div idendenpolitik, zusätzlich überzeugen wir mit Ertragsstärke und einer stabilen Kapitalstruktur – alles auch wesentliche Voraussetzungen für die verlässliche Versorgung und Servicierung unserer Kunden. Hinzu kommt die hohe Investitionskraft, die sich aus unseren stabilen Cash Flows und unserer gesunden Bilanz ergibt. Positiv aufgenommen hat der Markt schließlich auch die weitere Verbesserung unserer externen Ratings im Geschäftsjahr 2016/17.

Was die Zukunft betrifft, setzen wir ganz nach dem Motto dieses Geschäftsberichts weiterhin auf Kontinuität und Beständigkeit. Wir sind sehr solide aufgestellt und bleiben bei unserer Strategie, den Fokus auf regulierte und stabile Aktivitäten zu legen. Unser integriertes Geschäftsmodell hilft uns hier, alle Potenziale entlang der Wertschöpfungskette optimal auszuschöpfen. Versorgungssicherheit, Kundennähe, Nachhaltigkeit, Zukunftsorientierung und gesellschaftliche Verantwortung bleiben dabei weiterhin unsere Richtschnur, damit wir unseren Kunden, Eigentümern und nicht zuletzt den Mitarbeitern auch in Zukunft das bieten können, wofür sie uns seit Jahrzehnten schätzen: beständige Werte.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Y
EVN GHB 2016/17